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oerlikon.ch > linkgooerlikon 29.08.2008

Oerlikon: Zwischen Vielfalt und Leere

Oerlikon: Zwischen Vielfalt und Leere
«Von Eva Burkard»

Das alte Oerlikon ist eine überschaubare Kleinstadt, Neu-Oerlikon dagegen wie ein zu grosses Kleidungsstück, in das man noch hineinwachsen muss.

Mein Lieblingsort in Oerlikon ist der Samstagsmarkt. Ein Farben- und Düftefest. Kräuter, Gemüse, Früchte, Gerüche von Fisch und Käse, lockende Erdbeeren im Frühling, leuchtende Orangen im Herbst, Pyramiden von Avocados und Äpfeln, Birnen, Grün in allen Schattierungen, Gurken, Salate, Basilikum, die farbigen Wellen aus Blumen in den verschiedenen Jahreszeiten, das Gewimmel der Menschen. Hier treffen sich Bekannte und Freunde auf einen Schwatz zwischen den Ständen. Man bewegt sich durch Kinderwagen, Hunde, Gelächter, die Stimmen der Marktschreier locken zu einem Kaufrausch von Leckerbissen, bis um 12 Uhr alles abgeräumt wird.

Alle Läden in kurzer Distanz
Und alles andere kann ich auch in wenigen Schritten erledigen: Optiker, Uhrenladen, Apotheke, Bibliothek, Kleiderläden, Feinkost, Buchhandlung, Schlüsseldienst, Schuhshop, das Reformhaus mit dem besten Henna-Rot der Stadt. Bis ich ermattet, voll beladen mit dem Velo nach Hause fahre, nicht ohne vorher einen Kaffee im Szenario, am Fusse des Swissôtels, neben dem Brunnen und der Kinderschaukel getrunken zu haben. Auch ohne Mittwochs- und Samstagsmarkt ist der Platz tagsüber belebt. Tauben, Mütter mit Kindern, die den Tauben nachjagen, mittags Schülerinnen und Angestellte, die auf den Bänken ihr Sandwich essen. Das überdimensionale Schachbrett ist besetzt und umringt von Männern unterschiedlichen Alters und verschiedener Nationalitäten.

So ist der Kern von Oerlikon bequem. Ohne in die Stadt zu fahren, ist man in einer überschaubaren Kleinstadt. Rings um den Sternen Oerlikon, den Marktplatz gibt es wirklich alles. Aber eines ist auch klar: In Oerlikon erledigt man Dinge, kauft ein, geht vielleicht mal Pizza essen oder ins Hallenbad. In den Ausgang geht man nicht. Am Abend zieht es die Menschen nach Zürich, zu den Kinos, Discos, Bars, an den See und in die Altstadt zum Flanieren. Oerlikon ist ein praktisches Zentrum, funktional und verbunden per Tram oder S-Bahn mit der City. Täglich halten 500 Züge am Bahnhof Oerlikon, man ist in fünf Minuten am Hauptbahnhof, in zehn Minuten am Flughafen. Und dass Oerlikon international und vielfältig ist, dafür sorgen die vielen Migranten, die hier leben, sowie das Hallenstadion, das Messegelände, das Fernsehstudio Leutschenbach und die Nähe zum Flughafen.

Der Kreis 11 mit Oerlikon, Affoltern und Seebach ist einer der einwohnerreichsten Stadtkreise. Er ist im Rahmen der zweiten Eingemeindung 1934 entstanden. Oerlikon ist nach der City das einzige städtische Zentrum, und nach Zürich und Winterthur die drittgrösste Stadt im Kanton. Im Umkreis von zwei Kilometern des Bahnhofs leben rund 50 000 Menschen, und 35 000 Arbeitsplätze werden angeboten. Mit Oerlikon ist der Name Bührle verknüpft, die ehemals grösste Waffenschmiede der Schweiz. Oerlikon-Bührle lieferte europaweit bis Asien. Ende der 60er-Jahre wurden dort Schiesstests mit uranhaltiger Munition durchgeführt. 1999 wurde der Schiesskanal abgebrochen, der Sondermüll entsorgt. Heute stehen dort der Louis-Häfliger-Park und die Wohnsiedlung Regina-Kägi-Hof.

Zweigeteiltes Quartier
Damit bin ich in Neu-Oerlikon gelandet. Denn das Quartier ist seit einigen Jahren zweigeteilt. Unter dem Namen Zentrum Zürich-Nord entsteht ein neuer Stadtteil. Mit den geplanten 12 000 Arbeitsplätzen und Wohnungen für 5000 Personen ist das ZZN das grösste Umnutzungsvorhaben der Schweiz. Dieser futuristische Fremdkörper, man kann ihn auch gern «urban» nennen, sieht aus, als sei das Reissbrett der Architekten auf die Wohnfläche gefallen. Im Oerliker Park, dem grössten von fünf Parks im ZZN, lockt ein Aussichtsturm mit spiralförmiger Stahltreppe zum Aufstieg. Rings um den Turm wurden 1000 Eschen aus verschiedensten Ländern gepflanzt. Es sind junge, zerbrechliche, wie hin skizzierte Bäume, von denen erwartet wird, dass sie in einigen Jahren ein farbenfrohes Blätterdach bilden werden. Noch wirken sie schüchtern und deplatziert. Symmetrie schafft kaum ein Gefühl von Geborgenheit. Es soll kommen, trösten die Stadtplaner. Immerhin wächst allmählich Infrastruktur. Starbucks, Aldi, eine Apotheke, einzelne Läden reihen sich an der Binzmühlestrasse, gegenüber dem Center Eleven auf.

Die Bauplaner formulieren Sätze wie: «Ein eigentlicher Freiraum entsteht als Ort der Weite, als Ort für Spiel und Geselligkeit.» Bisher wirken die geselligen Menschen jedoch ein wenig verloren auf dem Reissbrett dieses städtebaulich mehrfach ausgezeichneten Entwurfs. Und die Strecken, die man mit Kleinkindern, als alter oder müder Mensch in Hitze oder Regen zurücklegt, vermitteln in ihrer Weitläufigkeit ein Gefühl der Öde.

Das alte Oerlikon ist bequem und überschaubar. Neu-Oerlikon ist wie ein zu grosses Kleidungsstück, in das man hineinwachsen wird. Die Verbindung zwischen beiden Stadtteilen ist noch nicht gelöst. Unter den Bahnhofgleisen ist eine Unterführung geplant, die den vertrauten alten Kern und den jungen, sich im Aufbruch befindenden Teil verbinden soll.

Meine persönliche Verbindung ist die Regensbergbrücke. Links von ihr, Richtung Bucheggplatz, liegen die zwei Kantonschulen von Oerlikon an der Birchstrasse, rechts hinunter steht eine alte Fabrik, die ABB-Halle, in der Events stattfinden. Biege ich dort hinein, stosse ich auf kleinere Strassen mit Dichternamen. Else-Lasker-Schüler, Mascha Kaléko, James Joyce legen die Spur zu meinem Lieblingsplatz im ZZN: zum zauberhaften MFO-Park, einer filigranen, transparenten Konstruktion, 30 Meter hoch und 100 Meter lang. Eine offene Halle, ein einladender Raum, etwas Magisches zieht mich hinein. Grüne Ranken klettern am luftigen Stahlkörper empor. Hinaufzugehen bedeutet, über Gitter und Treppen zu laufen, bedeutet Schwindel und Entzücken. Ein modernes Dornröschenschloss, das von Pflanzen zugewachsen wird, in dessen Mitte Bänke und Liegestühle Platz bieten für Menschen, die Pause brauchen, essen, trinken, ruhen möchten. Der Name Maschinenfabrik-Oerlikon - MFO - tönt nicht gerade romantisch, dafür ist es der Ort selbst. Dort gibt es auch ein Openair-Kino. Das ist das Einzige, was ich in Oerlikon vermisse: ein Kino. Ansonsten «gits z’Oerlike alles».

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Eva Burkard ist in der Nachkriegszeit in Dessau, der ehemaligen DDR, geboren und im Ruhrgebiet aufgewachsen. Sie studierte in Berlin und lebt seit 1977 in Zürich als freie Schriftstellerin, Journalistin und Psychotherapeutin. Ihr jüngstes Buch ist die Gedichtsammlung «Traumpilotin», die 2007 bei der Edition Hartmann erschienen ist. 2004 veröffentlichte sie «global_kids.ch Die Kinder der Immigranten in der Schweiz» beim Limmat-Verlag. Dafür ist sie mit dem Schweizer Integrationspreis 2005 ausgezeichnet worden.
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Quelle: Tages-Anzeiger

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Oerlikon, 30.07.2010 © by oerlikon.ch, Powered by zuri.net | Page Design © by Escapenet GmbH